KJS STORY-THINKLETTER #2 | DILEMMA IN DER BACKSTORY

STORYTELLING FOR FILM AND TV
Fragen aus dem Story-Consulting

»In Drehbuch-Seminaren entwickeln wir seitenweise Backstory für unsere Figuren. Ist das für meine Story wirklich notwendig?«

Backstorys entwickeln ist eines von verschiedenen Brainstormingtools zur Figurenerschaffung. Bezugslose Backstory verkommt allerdings leicht zum Selbstzweck und landet gerne in der Schublade statt im Film. Sie ist nicht notwendig, damit uns eine Figur erreicht.

Konkrete Aspekte einer Backstory sind allerdings dann von erzählerischem Wert, wenn sie Figur, Welt oder Thema einer Story entblättern und damit um weitere Dimensionen erweitern.

Wie in der TV-Serie Game of Thrones (2011-), in der der strahlende Ritter und Königswächter Jaime Lannister den unerwünschten Spitznamen ›Kingslayer‹ trägt, weil er vor siebzehn Jahren den grausam herrschenden Mad King von hinten erstach - trotz seines Schwurs, ihn auf Leib und Leben zu schützen.

In diesem Spitznamen und seiner Vorgeschichte entblättert sich die starke Ambivalenz dieser Welt und ihrer Figuren: Auf der einen Seite können alle nur froh darüber sein, dass Jaime den brutalen Mad King ermordete, andererseits ist dem ›Kingslayer‹ ob der Ehrlosigkeit seines Eidbruchs auch jederzeit zuzutrauen, den aktuellen König, den er schützt, eigenmächtig zu töten.

Wir erkennen hier, dass das Prinzip ›Handeln offenbart den Charakter‹ nicht nur für den Film im Jetzt gilt, sondern ebenso für die Backstory. Es geht um eine konkrete Tat in der Vergangenheit, nicht um reine Zu- oder Umstände. Noch dazu ging diese Tat aus einem Dilemma zwischen Eidestreue und Tyrannei-Befreiung hervor. Echte Dilemmata bringen automatisch Ambivalenzen mit sich.

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