KJS STORY-THINKLETTER #4 | DIE WORT-BILD-SCHERE

Fragen aus dem Story-Consulting

»Meine Hauptfigur soll ihrem besten Freund von ihren Erlebnissen erzählen. Erlebnisberichte drohen immer, zu dialoglastig zu werden. Wie kann ich die Szene stattdessen visueller erzählen, ohne auf Rückblenden zurückzugreifen?«

 Harry und Jess im Baseballstadion | When Harry Met Sally (1989)

Harry und Jess im Baseballstadion | When Harry Met Sally (1989)

Das Wiedergeben von vergangenen Erlebnissen visuell statt nur durch reinen Dialog zu erzählen, ist besonders herausfordernd, da Vergangenes sich schwer in aktuellen Bildern erzählen lässt.

Eine Möglichkeit, eine Dialogszene visuell anzureichern, ist die Wort-Bild-Schere. In der Komödie When Harry Met Sally (1989) erzählt der liebesunglückliche Harry seinem besten Freund Jess, wie er vor ein paar Tagen von seiner Frau verlassen wurde. Bei diesem Gespräch sitzen die beiden Freunde in einem Baseballstadion. Während Harry in die Details seiner unfreiwilligen Trennung geht, nähert sich den beiden eine Laola-Welle im Stadion. Immer wieder stehen Harry und Jess auf und werfen ihre Arme mit dem Flow der Welle in die Luft, während Harry davon erzählt, wie er seine Ehe empfunden hat, wie seine Frau plötzlich ausgezogen ist und wie er herausgefunden hat, dass sie einen Neuen hat.

Auf der Wort-Ebene Trennungsschmerz, auf der Bild-Ebene Jubelgesten. Die Wort-Bild-Schere geht weit auseinander. Welchen erzählerischen Effekt hat dieser starke Kontrast? Auf den ersten Blick bekommt Harrys Leiden dadurch einen komischen Anstrich, ganz dem Genre entsprechend. Doch was erzählt uns das Visuelle in Kombination mit dem Dialog darüber hinaus?

Filmstudierende, mit denen ich die Szene analysiert habe, lasen in dieser sich wiederholenden Jubelgeste des traurigen motivationslosen Harrys, dass er sein Leben irgendwie weiterführen wird im Strom der Alltagstreibenden - ob er Lust hat oder nicht. Eine andere Interpretation las in der Wort-Bild-Kombination aus Ehe-Rückschau und dem wiederholtem Aufstehen-und-Hinsetzen “dass die Ehe auch nur eine Choreographie des Auf und Abs” sei.

Wort-Bild-Kombinationen, die auf den allerersten Blick zusammenhanglos wirken oder einen extremen Gegensatz darstellen, bieten also die Möglichkeit, das Bildliche als Metapher für das Gesagte zu sehen. Mit dem Bild, welches dem Dialog etwas ganz Eigenes Neues hinzufügt statt ihn einfach nur zu unterstreichen, schöpfen wir die Möglichkeiten visuellen Erzählens aus.

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